Zur Eröffnung der Ausstellung „Polaroids“
Neue Bilder von Michael Rippl in der Bremer Villa Ichon am 12. 3. 2015


Den Künstler und Webdesigner Michael Rippl kenne ich noch nicht lange, aber seit einem Atelierbesuch bei ihm ziehe ich den Hut vor seiner Polaroid-Arbeit. Sie erinnern sich: Kamera aufs Objekt ausrichten, Lichtstärke und Blitz auswählen, Auslöser betätigen und – fertig. Nein, noch nicht, aber nur kurzes Warten, dann scrollt sich der Bildträger aus einem Schlitz des Geräts, man muss nur an einer Lasche ziehen, und dann erscheint – wie durch Magie – langsam eine fotografische Aufnahme. 

Polaroid – das war einmal ein anderes Wort für „Geschwindigkeit ist keine Hexerei“ oder „Polaroid – das Medium der ungeahnten Möglichkeiten“. Und dies trifft – auch nach dem Abflauen des Polaroid-Booms – bis heute noch zu. Unter einer wichtigen Bedingung: Man braucht eine gewisse kriminelle Energie um an dem Medium festzuhalten, gegen die Unbilden der modernen Zeiten. 

Denn es gibt die Firma Polaroid längst nicht mehr; ihre Rechtsnachfolgerin trägt den bezeichnenden Namen „Impossible“, Polaroid-Filme und Zubehör sind kaum noch zu kriegen. Also wortwörtlich: Mit Polaroid noch heute zu arbeiten, ist „Mission impossible“. Oder vielleicht doch nicht?

Nun, Michael stammt nicht umsonst aus Schwaben, er gehört also zu jenem deutschen Stamm, dessen Mitglieder bekanntlich auch komplizierteste Probleme lösen können, außer einem: Hochdeutsch zu sprechen. Ich – als gebürtiger Thüringer und, in Leipzig aufgewachsen, Mitteldeutscher – darf dies sagen, da es auch für meine Landsleute in gewisser Weise zutrifft. Als Kunst-Kenner aber betrat ich in Michaels Atelier ein für mich neues Reich: die verblassende Bilderwelt des Polaroids. 

Vor ein, zwei Jahrzehnten noch in aller Munde und Augen, ist es still geworden um die Sofortbildkamera, der im 20. Jahrhundert eine glänzende Zukunft bevorzustehen schien. 2008 musste die US-Firma Insolvenz anmelden, angeblich wegen eines betrügerischen Nutzers. Aber letztlich ist auch Polaroid unter die digitalen Räder geraten. 

Michael beschäftigt sich seit 1988 mit dem erstaunlichen Phänomen Polaroid: Seine erste Kamera stammt aus dem Jahr 1987, und er bewahrt sie – neben einer Reihe anderer Standard-Modelle – in seinem Atelier auf, eine Art Dinosaurier der Polaroid-Technik. 

Und Michael ist – wie sollte es anders sein – umgeben von Polaroid-Bildern: In Reihen und Stapeln, hinter Glas und ohne Rahmen, sichtlich gealterte, scheinbar halb zerstörte Abzüge, Fehlfarben, experimentale Stadien und vor allem: Polaroids in allen erdenklichen Größen! 

Wie bitte, das kann doch nicht sein – Polaroids haben doch jenes genormte Format von 8,2 mal 8,2 cm? Wie macht der Polaroid-Trickser das? Nein, Michael trickst nicht. Sein Versprechen „Alles Polaroid“ ist kein falsches. Aber es meint: Jedes fertige Bild hat etwas mit der bildgebenden Technik von Edwin Herbert Land zu tun. Das heißt aber nicht, dass Michael krampfhaft am Prinzip Polaroid pur festhält. 

Im Gegenteil, er spielt damit, er nutzt nicht nur die chemischen und physikalischen Effekte des Mediums, sondern er kombiniert es mit allen möglichen Anwendungs- und Variationsmöglichkeiten anderer, natürlich auch digitaler bildgebender Verfahren von heute. 

Dabei nutzen ihm selbstverständlich seine Erfahrungen als Webdesigner, aber auch seine einschlägigen Kenntnisse der Fotografie, der Speicher- und Vergrößerungstechniken. Und so ist es kein Wunder, dass auch in dieser Ausstellung diverse Größen und Formate zu sehen sind. Doch – wie gesagt – immer steckt irgendwo ein Stück Polaroid-Vergangenheit drin.

Doch Sie merken, dies sind alles noch Vorbemerkungen, ich habe mich bisher um das Entscheidende der Polaroid-Kunst von Michael Rippl herumgedrückt. Vielleicht drücke ich auch dies zunächst formal aus: Jedes Bild ist ein unwiederholbares Original, ein solitäres Unikat. Aber trifft dies nicht auf jedes ganz normale Polaroid zu? War dieses Phänomen denn nicht gerade eine wichtige Voraussetzung dafür, dass so bekannte Künstler wie Gisèle Freund oder Ansel Adams, Robert Mapplethorp oder David Hockney, Noboyusho Araki oder Andy Warhol sich der Sofortkamera bedienten? 

Natürlich, aber deswegen habe ich es auch doppelt gemoppelt ausgedrückt: unwiederholbares Original, ein solitäres Unikat! Denn Michael hat von Beginn an seine Polaroids bearbeitet, und zwar nicht nur mit Techniken der Entwicklungsdauer, mit Temperatur-, also Kälte und Wärmebehandlung, sondern vor allem mit manuellen, grafischen Eingriffen. 

Er misshandelt gleichsam die Bilder im Prozess des Heranreifens, jenen wenigen Sekunden, die es braucht, damit aus dem noch leeren Geviert das Motiv entsteht, das als Grundlage des künstlerisch um- und durchgeformten Bildes entsteht. 

Michael benutzt dafür alle nur denkbaren Manipulations-Werkzeuge. Alle könnten auch einem Holzschneider oder Radierkünstler dienen, um seine Oberflächen vor dem Druck zu verändern. Bekannte Techniken der Durch- und Abreibung, wie sie die Surrealisten – etwa Max Ernst – verwandten, sind dabei auch im Spiel. 

Im Einzelnen will Michael aber gar nicht verraten, welcher Werkzeuge er sich bedient, das fällt unter die Rubrik der künstlerischen Freiheit und des Werkstatt-Geheimnisses. Daher werde ich hier natürlich auch nichts verraten. Im Übrigen ist es auch dem Interpreten keineswegs erlaubt, aus der Küche zu plaudern. Das entlastet den Betrachter aber keineswegs davon, sich seine eigenen Gedanken zu machen. Wer genau hinschaut, dem fallen Spuren und Verletzungen ins Auge, die sicherlich manchmal zu neuen Spuren und Hinweisen führen, die manipulierten Bilder neu zu deuten.

Andere Phänomene sind für den Polaroid-Laien schwieriger zu entschlüsseln: Zum Beispiel Lichtstärke und Farbveränderungen, die dadurch entstehen, dass das Verfallsdatum des verwendeten Filmmaterials abgelaufen ist. Solche Verfremdungen, die dem professionellen Nutzer von einst natürlich ein Gräuel waren, Rot- oder Blaustichigkeit, Bildausfälle und Lichtvorhänge, teilweises Überstrahlt-Werden oder Verschwinden von Teilmotiven, Verunklärungen oder Streifigkeiten, wo sie nicht hingehören – all dies nimmt Michael nicht nur in Kauf, sondern nutzt es – wenn man so will: opportunistisch – aus, nach dem Motto: Der Zufall ist unser Freund. 

Und so verbündet er sich mit all jenen Unstimmigkeiten und Defiziten, die aus einem perfekten Abbild ein Mängel-Exemplar machen. Gerade die Mängel, die Unschärfen und Verwässerungen sind es, die aus einem misslungen Null-Acht-Fünfzehn-Polaroid ein perfektes Michael-Rippl-Unikat machen. Hinzu kommen andere Verunsicherungen, derer er sich bedient: Statt lebender Modelle, bedient er sich hier mal lebensechter Modepuppen, dort gefundener Computer-Avatare, komplizierter Plastinate des Dr. von Hagens oder einfacher Ferienfotos. 

Und hier verliert sich das künstlerische Vorgehen Michaels teilweise im Nebel – auch für den relativ geübten Blick des Spezialisten oder Kunstkritikers. Denn eigentlich geht es Michael zwar um das Festhalten von Spuren, zugleich tut er aber alles, um eventuell zu deutlich lesbare Spuren sogleich wieder zu verwischen. Das macht den Reiz des Enigmatischen seiner Arbeiten aus.

Eben habe ich Verschleierungstechniken wie Unschärfen und Verwässerungen erwähnt. Diese bringen mich auf ein Motive, dessen sich der Künstler sichtlich häufiger bedient: Veränderungen, die mit dem Element Wasser – und zwar in allen drei Aggregatszuständen – zu tun haben. Viele Schauplätze liegen am Wasser, Strände und Ufermotive, Schwappen und Wogen, Spritzen und Wallen, verwirrendes Glitzern und Leuchten von Wasserflächen. Die berühmte Meeresoberfläche von Joseph Conrad: weich wie geschmolzenes Blei – im Gegenlicht, blendend wie himmlische Heerscharen.

Fotos wollen und sollen ein Stück Erinnerung festhalten helfen. Natürlich bedient sich Michael auch dieser Dimension der Bilder. Aber er macht es sich und uns Betrachtern nicht leicht. Das Auge soll sich erarbeiten, was es zu sehen gibt. Michael macht Vorschläge, öffnet Zugänge, Blickachsen und Einsichten, aber ebenso oft verstellt er sie uns, und wir erkennen, dass was auf den ersten Blick so einsichtig erscheinen möchte, eben doch nicht so ist. 

Nichts trügt mehr als der Augenschein! Daher werden auch Fotos vor Gericht äußerst selten als Beweismittel zugelassen. Denn – insbesondere heute, im Zeitalter von Photoshop und digitaler Retuschen aller Art – haben fotografische Bilder, einst Klassenbesten in Objektivität und Realistik, meist kaum mehr etwas mit der Wirklichkeit zu tun. 

Hinter jedem Bild steckt nämlich eine beliebig lange Reihe von Vor- bzw. Nachbildern: Michael Rippl zum Beispiel geht am liebsten gar nicht direkt von einem Polaroid-Foto als Urbild aus. Lieber verwendet er ein x-beliebiges analoges Foto, ein Urlaubsfoto etwa. Dieses wird digital eingescannt, dann vergrößert, danach digital bearbeitet, erst dann nimmt er ein Polaroid-Foto von dem ihm zusagenden Ausschnitt. Dieses wird nun erneut einer Reihe von digitalen Umwandlungen und Vergrößerungen unterworfen, schließlich neu gescannt und am Schluss gedruckt bzw. auf Aluplatten geplottet, nach den aktuellen Möglichkeiten der aktuellen Reprografie und Technik. 

Alles klar? Wenn nicht, dann ist dies durchaus im Sinne des Künstlers. Er – dem früher als Polaroid-Macher eher ein müdes Lächeln der Großbild-Künstler galt – hat sich längst freigeschwommen und nutzt souverän alle Möglichkeiten, die mit dem klassischen Polaroid kombiniert werden können. Zugleich verfügt er über alle Zoom- und Ausschnittvergrößerungsmöglichkeiten, über die das Ur-Medium Polaroid niemals verfügt hat. Resultat sind geheimnisvolle, oftmals lyrisch-melancholisch verfremdete Mischbilder, die dem Auge immer neue Rätsel aufgeben. 

Insofern haben Michael Rippls Bearbeitungen dem altvorderen, eigentlich schon historisch gewordenen Medium Polaroid ganz neue Dimensionen hinzugefügt, die sicher nicht zu dessen Renaissance führen, uns aber vor jedem Bild neue Ansichten und Einsichten vermitteln. Dafür gebührt Michael Rippl Beifall und Dank!

Rainer B. Schossig